Wenn Kinder nach einer Trennung den Kontakt zu einem Elternteil ablehnen oder vollständig abbrechen, stellt dies Familien und Fachpersonen vor schwierige Fragen. Ein neuer wissenschaftlicher Sammelband widmet sich den Ursachen, dem Forschungsstand und den Kontroversen rund um die Eltern-Kind-Entfremdung.

Im August 2026 ist im Verlag Beltz Juventa das Fachbuch «Eltern-Kind-Entfremdung – Wissensstand und Kontroverse im Fachdiskurs» erschienen. Herausgegeben von Marc Serafin und Hildegund Sünderhauf, versammelt das Werk Beiträge aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und fachlichen Perspektiven.

Im Mittelpunkt steht eine Frage, die auch den Verein für elterliche Verantwortung (VeV Schweiz) seit vielen Jahren beschäftigt: Wie können Kinder wirksam vor Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung geschützt werden, ohne dabei jene Kinder aus dem Blick zu verlieren, die den Kontakt zu einem Elternteil aus anderen Gründen verlieren?

Wenn Kinder einen Elternteil ablehnen

Kontaktabbrüche zwischen Kindern und Eltern können unterschiedliche Ursachen haben. Sie können Ausdruck belastender Erfahrungen, einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung oder einer berechtigten Schutzreaktion sein. Sie können aber auch durch familiäre Konfliktdynamiken und die Einflussnahme anderer Personen entstehen.

Die Unterscheidung ist entscheidend. Eine Kontaktablehnung darf weder vorschnell als Ergebnis einer Entfremdung interpretiert noch darf eine mögliche Beeinflussung des Kindes von vornherein ausgeschlossen werden.

Die Herausgeber des Sammelbandes befassen sich insbesondere mit der Frage, wie induzierte Eltern-Kind-Entfremdung wissenschaftlich eingeordnet werden kann und welche Konsequenzen sich daraus für die Praxis ergeben.

Ein kontrovers geführter Fachdiskurs

Der Begriff der Eltern-Kind-Entfremdung wird in Wissenschaft, Rechtsprechung und psychosozialer Praxis kontrovers diskutiert.

Während ein Teil der Fachwelt auf die wissenschaftliche Forschung zu Entfremdungsprozessen und deren möglichen Folgen für betroffene Kinder verweist, warnen andere Fachpersonen insbesondere vor einer unkritischen Anwendung entsprechender Konzepte in hochstrittigen Familienverfahren.

Die Herausgeber vertreten die Auffassung, dass internationale Forschungsergebnisse im deutschsprachigen Fachdiskurs nicht ausreichend berücksichtigt werden. Mit dem Sammelband möchten sie zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung beitragen und Erkenntnisse für die praktische Arbeit zugänglich machen.

Die Beiträge behandeln unter anderem den Forschungsstand, professionelle Interventionen, rechtliche Fragestellungen sowie die Bedeutung von Kindeswille und Kindeswohl.

Kinderschutz darf keine Einbahnstrasse sein

Für VeV Schweiz ist die grundlegende Fragestellung nicht neu.

Seit vielen Jahren setzen wir uns dafür ein, dass Kinder nach einer Trennung grundsätzlich die Möglichkeit behalten, tragfähige Beziehungen zu beiden Elternteilen zu pflegen, sofern dies ihrem Wohl entspricht.

Gleichzeitig ist für uns selbstverständlich, dass Kinder und Eltern wirksam vor Gewalt, Missbrauch und anderen Formen der Gefährdung geschützt werden müssen.

Beide Anliegen gehören zu einem umfassenden Verständnis des Kindesschutzes.

Wer einen möglichen Entfremdungsprozess untersucht, muss deshalb auch Hinweise auf Gewalt und andere belastende Erfahrungen sorgfältig berücksichtigen. Umgekehrt dürfen Kontaktabbrüche nicht allein deshalb als unproblematisch gelten, weil ein Kind den Kontakt ausdrücklich ablehnt.

Entscheidend sind eine sorgfältige Abklärung der individuellen Situation, die Berücksichtigung des Kindeswillens und eine fachlich fundierte Beurteilung des Kindeswohls.

Wissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis nutzen

Der neue Sammelband bietet Anlass, die unterschiedlichen Perspektiven auf Eltern-Kind-Entfremdung vertieft zu diskutieren.

Für betroffene Familien ist diese Diskussion keineswegs nur akademisch. Die Einschätzungen von Fachpersonen, Beratungsstellen, Gerichten und Kindesschutzbehörden können weitreichende Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern haben.

Gerade deshalb braucht es eine sachliche Auseinandersetzung, die unterschiedliche wissenschaftliche Positionen ernst nimmt, Erkenntnisse kritisch prüft und pauschale Erklärungen vermeidet.

VeV Schweiz begrüsst die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema und wird die Diskussion weiterhin aufmerksam begleiten.

Zum Buch

Eltern-Kind-Entfremdung – Wissensstand und Kontroverse im Fachdiskurs

Herausgegeben von Marc Serafin und Hildegund Sünderhauf
Beltz Juventa, 2026
259 Seiten
ISBN 978-3-7799-9282-0

Weitere Informationen beim Verlag Beltz Juventa

Hinweis: Diese Buchvorstellung basiert auf den öffentlich zugänglichen Verlagsinformationen und der Leseprobe. Sie stellt keine vollständige wissenschaftliche Rezension sämtlicher Buchbeiträge dar.